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Überlastungsanzeige in der Pflege: Alle Infos

Überlastungsanzeige Pflege: Überarbeitete Pflegekräfte können im Extremfall eine Überlastungsanzeige stellen
Melanie Meißner | 4.4.2025 | Lesedauer: 4 Minuten

Überstunden gehören für viele Pflegefachkräfte zum Alltag. Doch was, wenn die Belastung zu groß wird? Dafür gibt es die Überlastungsanzeige.

Zu viel Arbeit für zu wenig Personal. Lange Schichten und kaum Zeit zur Erholung. So sieht der Alltag vieler Pflegefachkräfte in Deutschland aus. Pflegekräfte, die anderen Menschen eine Hilfe sein möchten, benötigen sie aufgrund des ständig wachsenden Drucks mittlerweile oft selbst.

Die Überlastungsanzeige Pflege ist ein Instrument, um sich vor dieser Belastung zu schützen. In diesem Artikel erfahren Pflegende:

  • was genau eine Überlastungsanzeige ist,
  • wann sie eine Überlastungsanzeige stellen sollten,
  • wie sie richtig erstellt wird
  • und wann es Sinn ergibt, eine solche Anzeige zu schreiben.

Definition: Was ist eine Überlastungsanzeige?

Eine Überlastungsanzeige oder auch Gefährdungsanzeige ist, kurz gesagt, eine formelle Mitteilung. Gerichtet ist dieses Schreiben an den Arbeitgeber, also im Bereich Pflege in der Regel an eine Klinik, ein Krankenhaus oder eine Langzeitpflegeeinrichtung. Die Überlastungsanzeige soll darauf aufmerksam machen, dass die aktuellen Arbeitsbedingungen dazu führen, dass die eigene Gesundheit und in der Folge auch die Sicherheit der Patientinnen und Patienten gefährdet sind. Zudem bewahrt die Überlastungsanzeige den Arbeitgeber vor Haftungsrisiken. Die Grundlage aus rechtlicher Sicht liegt in den Arbeitsschutzmaßnahmen des Arbeitgebers.  

Wann sollte eine Überlastungsanzeige gestellt werden?

Einige typische Situationen, bei denen eine Überlastungsanzeige angebracht ist, sind beispielsweise:

  • Personalmangel: Zu wenig Personal führt dazu, dass es kaum Pausen gibt. Die körperliche Belastungen für das Pflegepersonal steigen und es bleibt nicht genügend Zeit, um die Arbeit gewissenhaft und gut genug durchzuführen. So können gefährliche Pflegesituationen entstehen.
  • Permanente Überstunden: Zu viele Überstunden führen zu einer unausgewogenen Work-Life-Balance, es bleibt keine Zeit zum Erholen. Ständiges Einspringen für KollegInnen, obwohl man eigentlich frei hat, führt zu Frust und erhöht die Belastung.
  • Hoher Zeitdruck: Anhaltender zeitlicher Druck ist auch psychisch sehr belastend. In wenigen Minuten sollen Patientinnen und Patienten gewaschen sein, Medikamente hergerichtet und Wundverbände durchgeführt werden etc.
  • Mangelnde Schutzkleidung: Trotz hochansteckender Viren gibt es kaum oder zu wenig Schutzausrüstung (wie etwa während der Corona-Pandemie).

Dies sind extreme Beispiele, die Anlass für eine Überlastungsanzeige sein können. Daneben gibt es noch mehrere mögliche Aspekte, welche im Pflegealltag belastend sein können. Die Überlastungsanzeige sollte aber immer nur bei anhaltenden und ernsthaften Problemen geschrieben werden. Sie dient als Lösungsinstrument und als sachliches Kommunikationsmittel.

Wie stellt man eine Überlastungsanzeige richtig?

Die wichtigste formale Anforderung lautet: Die Anzeige muss immer schriftlich erfolgen, adressiert an die Vorgesetzten. Das ist sowohl per Brief als auch digital möglich.

Eine Überlastungsanzeige muss folgende Infos enthalten:

  1. 1.
    Datum und Uhrzeit der aktuellen Situation.
  2. 2.
    Möglichst ausführliche Beschreibung der belastenden Situation: „Ich bin allein zuständig für 60 Bewohnerinnen und Bewohner“.
  3. 3.
    Welche Gefahren resultieren aus der belastenden Situation? „Die Bewohnerinnen und Bewohner können nicht entsprechend gelagert werden. Es kann demnach vermehrt zu Dekubiti kommen.“
  4. 4.
    Vorschläge, wie die Situation verbessert und Entlastung geschaffen werden kann.

Hier ist eine Vorlage für eine Überlastungsanzeige

„Sehr geehrte/r Frau/ Herr …,

am 15.2.2025 war ich aufgrund von Personalmangel auf Station 30 für 50 Patientinnen und Patienten zuständig. Heute habe ich von den 50 Patientinnen und Patienten 15 Operationsnachsorgen. Ich kann aufgrund des Personalmangels diese Patientinnen und Patienten nicht engmaschig kontrollieren. Es besteht eine hohe Gefährdung.

Deshalb bitte ich Sie, mich zu entlasten. Ich sehe eine Möglichkeit darin, zusätzliches Personal zu stellen oder eine Kraft ausschließlich für die Operationsnachsorgen einzuteilen.

Mit freundlichen Grüßen „Name und Berufsbezeichnung“.

Supervision von Pflegekräften

Bei einer Überlastungsanzeige ist es wichtig, andere Beteiligte wie die Stationsleitung miteinzubeziehen.

Häufige Bedenken und Gegenargumente und wie man damit umgeht:

1. „Bringt das überhaupt etwas?“

Ja. Die Überlastungsanzeige hilft dabei, die anhaltende Überlastung sachlich zu dokumentieren. Sie dient als juristische Sicherheit für die Pflegekraft und ihre Vorgesetzten. Wiederholte Anzeigen schaffen einen Anreiz für Veränderungen. Ohne Anreize zur Veränderung gibt es keine Besserung der Situation.

2. „Kann ich dafür Ärger bekommen?“

Nein. Pflegekräfte können für eine Überlastungsanzeige keinen Ärger bekommen. Dieses Instrument ist rechtlich zugelassen. Etwaige negative Konsequenzen können angezeigt werden. Tatsächlich ist es sogar wichtig, den Vorgesetzten über die möglichen Gefahren zu informieren.

3. „Wie reagieren Vorgesetzte und Kollegen?“

Wichtig hierbei ist eine offene, sachliche und transparente Kommunikation. Damit vermeiden die Pflegefachkräfte Missverständnisse und sorgen für Verständnis gegenüber Kolleginnen und Kollegen sowie den Vorgesetzten.

Tipps für den richtigen Umgang mit Widerständen

Gegenwind entsteht oft durch Angst und Unsicherheit. Hier ist eine offene und lösungsorientierte Haltung wichtig. Anbei einige Ideen:

Externe Unterstützung durch Schulungen. Es können Workshops angeboten werden, die rund um das Thema aufklären. Dies baut Ängste ab. Zudem kann der Betriebsrat zur rechtlichen Absicherung einbezogen werden.

Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen sichern: Wenn Pflegefachkräfte Angst haben, sich mit einer Überlastungsanzeige unbeliebt zu machen, hilft eine offene und sachliche Kommunikation. Gemeinsame Überlastungsanzeigen können mehr bewirken als einzelne.

Führungskräfte mit ins Boot holen: Pflegefachkräfte sollten aktiv einen sachlichen Austausch zu ihren Vorgesetzten suchen und diese einbinden, die Not erklären und klarstellen, dass die Überlastungsanzeige keine Schuldzuweisung ist.

Aufklären: Viele Pflegekräfte und Leitungspersonen sehen die Anzeige nicht als dienliches Instrument für Probleme, sondern als Beschwerde. Transparente Kommunikation kann hier helfen.

Fazit zur Überlastungsanzeige in der Pflege

Pflegekräfte sollten eine Überlastungsanzeige nutzen, um sich und die eigenen Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Offene und transparente sowie lösungsorientierte Kommunikation ist dabei sehr wichtig. Dann gibt es auch keinen Grund zur Sorge. Pflegekräfte haben ein Recht auf bessere Arbeitsbedingungen - und Patientinnen und Patienten haben ein Recht auf eine qualitativ hochwertige und sichere Pflege.

Titelbild: iStock.com/Jacob Wackerhausen

Weitere Fragen

Welche Konsequenzen hat eine Überlastungsanzeige

Die Anzeige ist ein legitimes Mittel, um auf eine Gefährdung hinzuweisen. Sie darf keine negativen Konsequenzen für die Pflegekraft haben, die sie stellt. Andersherum darf eine solche Anzeige auch nicht dazu führen, dass die Fachkraft ihre Arbeit nicht mehr sorgfältig erledigt.

Kann eine Überlastungsanzeige zur Kündigung führen?

Nein, eine Kündigung aufgrund einer Überlastungsanzeige ist nicht zulässig.

Wie muss der Chef bei einer Überlastungsanzeige reagieren?

Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht und müssen auf eine solche Anzeige reagieren, um die Mitarbeitenden nicht zu gefährden.

Autor

Melanie Meißner

Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit einem B. A. in Gesundheitsökonomie und viel Erfahrung als Pflegedienstleitung. Als Autorin teilt sie ihr umfangreiches praktisches Wissen aus dem Pflegebereich mit einem breiten Publikum.

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